Projekt-Governance nach ISO 21505:2017: Warum sie für Praktiker:innen unverzichtbar sein sollte
- Gerhard Ortner's Blog
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Projekte, Programme und Portfolios sind längst nicht mehr nur operative Einheiten, sondern entscheidende Werkzeuge, um strategische Ziele von Organisationen zu erreichen. Die ISO 21505 liefert seit 2017 hierfür einen umfassenden Rahmen für die Governance – also die Grundsätze, Strukturen und Prozesse, nach denen Projekte gelenkt werden. Praktiker:innen profitieren von klar definierten Rollen, Entscheidungswegen und verbindlichen Leitlinien, um Risiken zu minimieren, den Nutzen zu maximieren und Vertrauen bei Stakeholdern aufzubauen.
Nachfolgend versuche ich zu zeigen, warum Projekt-Governance nach ISO 21505 wesentlich ist und welche Themen daraus für Praktiker:innen besonders relevant sind.
Governance schafft Klarheit und Verantwortung
Einer der Kernpunkte der Norm ist die klare Trennung von Governance und Projektmanagement. Während das PM operative Aufgaben steuert, definiert die Governance die Rahmenbedingungen, setzt Grenzen und stellt sicher, dass Projekte die strategischen Ziele der Organisation unterstützen.
Praktisch bedeutet das:
- Klare Rollenverteilung: Governance-Gremien wie Lenkungsausschüsse oder Projektsponsoren tragen die oberste Verantwortung und treffen eskalierte Entscheidungen.
- Transparenz und Rechenschaft: Ein standardisiertes Berichtswesen schafft Vertrauen und erlaubt eine einheitliche Bewertung des Projektfortschritts.
Für Praktiker:innen ist dies entscheidend, um Verantwortlichkeiten eindeutig zuzuordnen und Eskalationswege zu sichern – besonders in komplizierten bzw. komplexen Projektlandschaften.
Ein Beispiel aus der Praxis: In großen IT-Transformationsprojekten mit mehreren Dienstleistern sorgt ein klar definiertes Governance-Gremium dafür, dass Konflikte zwischen den Parteien früh erkannt und strategisch gelöst werden. Ohne diese klare Aufteilung verschwimmen Zuständigkeiten, was oft zu Projektverzögerungen führt.
Werte, Prinzipien und ethische Grundlagen
Die Norm betont, dass Governance nicht nur strukturell, sondern auch wertorientiert sein muss. Organisationen sollen ethische Grundsätze und Nachhaltigkeitsaspekte integrieren. Für Praktiker:innen ergeben sich daraus konkrete Handlungsfelder:
- Nachhaltigkeit berücksichtigen: Projekte sollen wirtschaftliche, ökologische und soziale Verantwortung tragen.
- Integrität und Transparenz fördern: besonders relevant in öffentlich finanzierten oder regulierten Bereichen.
- Stakeholder-Konflikte aktiv managen: eine gelebte Governance schafft Vertrauen und reduziert Widerstände.
Ein konkretes Beispiel: In Bauprojekten öffentlicher Auftraggeber kann mangelnde Transparenz zu massiver öffentlicher Kritik und Vertrauensverlust führen. Eine gute Governance stellt sicher, dass Entscheidungen nachvollziehbar dokumentiert werden – ein entscheidender Faktor für die gesellschaftliche Akzeptanz.
Stakeholder-Einbindung als Erfolgsfaktor
Laut ISO 21505 ist die aktive Einbindung von Stakeholdern ein zentrales Governance-Prinzip. Praktiker:innen sollten Stakeholder nicht nur identifizieren, sondern deren Interessen und Erwartungen aktiv managen:
- Entwicklung von Richtlinien zur Konfliktlösung,
- Förderung einer Kollaborationskultur,
- Regelmäßige Kommunikation und transparente Entscheidungsprozesse.
Stakeholder-Management ist oft der entscheidende Faktor, ob Projekte Akzeptanz finden oder scheitern. Eine gute Governance stellt sicher, dass die Interessen der Stakeholder nicht nur „gehört“, sondern in Entscheidungen integriert werden.
Beispiel: In Stadtentwicklungsprojekten kann eine proaktive Einbindung von Bürgerinitiativen den Projektverlauf entscheidend positiv beeinflussen. Statt später teure Verzögerungen durch Proteste zu riskieren, werden Stakeholder frühzeitig eingebunden und ihre Anliegen berücksichtigt.
Risikomanagement und Entscheidungsprozesse
Ein weiteres zentrales Thema der Norm ist das systematische Risikomanagement. Governance-Gremien sind verantwortlich Risikotoleranzen festzulegen, Eskalationswege zu definieren und sicherzustellen, dass Entscheidungspunkte im Projektlebenszyklus klar geregelt sind.
Praktiker:innen profitieren davon, weil:
- Risiken frühzeitig erkannt und gemanagt werden,
- kritische Entscheidungen (z. B. Projektfortführung, -änderung oder -abbruch) auf solider Basis getroffen werden,
- Verantwortlichkeiten und Befugnisse eindeutig dokumentiert sind.
Ein reales Beispiel: In der Automobilindustrie wird bei Innovationsprojekten regelmäßig ein „Go/No-Go“-Entscheidungsprozess genutzt, der klare Kriterien für den Projektfortgang definiert. Governance stellt sicher, dass diese Kriterien transparent und unabhängig geprüft werden.
Standardisierte Managementrichtlinien
ISO 21505 fordert die Entwicklung und Pflege von Managementrichtlinien für zentrale Bereiche wie Risikomanagement, Qualitätsmanagement, Personal, Nachhaltigkeit und Informationssicherheit. Für Praktiker:innen heißt das:
- Weniger Doppelarbeit durch standardisierte Prozesse,
- Höhere Vergleichbarkeit zwischen Projekten,
- Einfachere Audits von Projekten und Prozessen und Qualitätssicherung.
Gerade in international agierenden Unternehmen ist dies ein enormer Vorteil: Einheitliche Richtlinien ermöglichen es, Projekte in unterschiedlichen Ländern vergleichbar zu steuern und die Einhaltung von gesetzlichen Vorgaben zu gewährleisten.
Laufende Verbesserung des Governance-Rahmenwerks
Ein oft unterschätzter, aber wesentlicher Aspekt ist die kontinuierliche Verbesserung. Die Norm fordert, dass Governance-Rahmenwerke regelmäßig überprüft und anhand von Audits, Feedback und Lessons Learned optimiert werden. Für Praktiker:innen bedeutet das, aus Fehlern systematisch zu lernen und Governance-Prozesse an sich ändernde Rahmenbedingungen anzupassen.
Beispiel: Ein Unternehmen, das regelmäßig Governance-Audits durchführt und Feedback von Projektteams einholt, kann Schwachstellen schnell erkennen und Prozesse anpassen. So werden wiederkehrende Fehler vermieden und der Projekterfolg nachhaltig gesteigert.
Praktische Umsetzung: Was sollten Praktiker jetzt tun?
Die ISO 21505 liefert einen Orientierungsrahmen, ersetzt jedoch nicht die individuelle Anpassung an die eigene Organisation. Praktiker:innen sollten daher folgende Schritte priorisieren:
- Governance-Gremium definieren: Rollen, Verantwortlichkeiten und Eskalationswege klar festlegen. (siehe auch LA Governace)
- Werte und Prinzipien dokumentieren: Ethik- und Nachhaltigkeitsaspekte müssen explizit Teil der Governance werden.
- Stakeholder-Management professionalisieren: Konfliktlösungsrichtlinien etablieren und Kommunikationsprozesse festschreiben.
- Risikomanagement integrieren: Entscheidungspunkte und Risikotoleranzen definieren.
- Regelmäßige Audits einführen: Governance-Prozesse kontinuierlich bewerten und verbessern.
Fazit: Governance als Schlüssel zum Projekterfolg
Für Praktiker:innen ist die Umsetzung der ISO 21505 weit mehr als bürokratische Pflicht. Sie bietet einen strukturierten, praxisnahen Leitfaden, um Projekte strategisch auszurichten, Risiken zu minimieren und Stakeholder einzubinden. Besonders in komplizierten bzw. komplexen, internationalen oder sicherheitskritischen Projekten ist eine klare Governance der entscheidende Erfolgsfaktor.
Wer Projekt-Governance nach ISO 21505 ernst nimmt, schafft nicht nur bessere Ergebnisse, sondern stärkt auch das Vertrauen von Management, Kunden und Stakeholdern – und legt damit den Grundstein für nachhaltigen Projekterfolg.
Praxis-Tipp: Beginnen Sie klein, aber konsequent – ein klares Governance-Rahmenwerk in einem Pilotprojekt umzusetzen, schafft schnelle Erfolge und fördert die Akzeptanz in der gesamten Organisation.